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Landesverteidigung und Katastrophenhilfe ohne Zukunft ?

 

Generalmajor Günter Hochauer, hat in einem Leserbrief ( Zeitung „Der Soldat“  24. 08 2005)   mit seinem großen militärischen Fachwissens  seinen Finger auf einige „wunden Punkte“ der derzeit laufenden Bundesheerreform und Transformation gelegt. GenMjr Hochauer war nicht nur ein genauer Kenner aller Stärken und auch Schwächen des Milizsystems sondern auch ein überzeugter Befürworter dieses Systems.

Die Situation in den westlichen Bundesländer anlässlich der verheerenden Unwetter haben die hohe Aktualität seiner Aussagen („Schutz ohne Truppen“) besonders unterstrichen.  Es darf bezweifelt werden, ob bei einer Aus­weitung der letzten Hochwasserkatastrophe auch auf Oberösterreich (Pionier aufgelöst) noch eine entsprechende Hilfe durch das Bundesheer möglich gewesen wäre.

 

 

Nachdem nunmehr die wesentlichen Ausarbeitungen der aktuellen Heeresreform vorliegen, scheint es auch sinnvoll, entgegen dem Trend der Zeit und dem Tenor der Diskussion die Frage zu stellen, wie es mit der in Osterreich fundamental verankerten Landesverteidigung weitergeht.

 

Ausrichtung auf internationale Einsätze

Es scheint, als ob die aktuellen Planungsperspektiven der künftigen Heeresstruktur vor allem auf die inter­nationalen friedenserhaltenden Einsätze und weniger auf die Verteidigung des eigenen Territoriums ausgerichtet sind. Die als gleichwertig festgelegten Inlandsaufgaben des Bundesheeres, insbesondere die Aufgaben des Schutzes der Souveränität und der Bürger Österreichs vor militärischen Herausforderungen, scheinen deutlich geringere Relevanz zu haben. In diesem Zusammenhang scheint nunmehr das Versäumnis der "Bundesheer­reformkommission" klar zu werden, über die Katastrophenhilfe und sicherheitspolizeiliche Assistenzeinsätze hinausgehende Aufgaben des Bundesheeres im nationalen Geltungsbereich nicht konkret angesprochen zu haben. Mit der allgemeinen Formulierung, stets rund 10.000 Soldaten für Inlandsaufgaben bereitzuhalten, wurde dieses Kapitel durch die Kommission abgehakt.

 

Mangelnde Vorgaben

Diese mangelhaften Vorgaben erleichtern - gewollt oder ungewollt - die Überbetonung der Auslandsaufgaben und die eindeutige Bevorzugung der dafür erforderlichen Komponenten des Bundesheeres. Der propagierten Gleichwertigkeit von Auslands- und Inlandsaufgaben scheint also schon im Bereiche der Heeresplanung nicht entsprochen zu werden. Vermutlich sind dafür auch die völlig unzureichenden finanziellen Ressourcen verant­wortlich, die nur für einen Aufgabenbereich eine realisierbare Planung zulassen. Dass dies eben die Aus­landsaufgaben sind, ist verständlich, da Österreich in diesem Bereich internationale Verpflichtungen einge­gangen ist.

 

Nationale Ver1eidigung?

So nimmt es nicht wunder, wenn nichts unterlassen wird, die nationale Verteidigungsfähigkeit verkommen zu lassen. Ob dafür nur die budgetären Verhältnisse zuständig sind, wird allerdings in Zweifel gezogen, wenn die angepeilte Verkürzung des Grundwehrdienstes, die zwangsläufig Mehrkosten verursachen wird, mit ins Kalkül gezogen wird.

 

Degeneration der Miliz

Die weitere Degeneration der Miliz sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht ist ein untrügliches Anzeichen dafür, dass die nationale Verteidigungsfähigkeit als eigentliche Inlandsaufgabe nicht wirklich ein Anliegen der Politik ist. Mit der sich wiederholenden Beteuerung, die Miliz sei auch in Hinkunft ein unver­zichtbarer Bestandteil des Bundesheeres, werden in Wahrheit nur Vorgänge verschleiert, die auf die letzt­endliche Beseitigung dessen hinausläuft, was traditionellerweise unter Miliz verstanden wurde. So wird die zahlenmäßig nicht unbedeutende Auffüllung präsenter Truppenkörper durch Reservisten unzutreffenderweise als Milizangelegenheit missbraucht, während gleichzeitig die eigentliche Miliz, die so genannte strukturierte Miliz (die Jägerbataillone der Militärkommanden), von zwanzig auf zehn Bataillone reduziert wird. Außerdem soll die Stärke der Bataillone von etwa 1.200 auf nur noch rd. 700 Soldaten heruntergefahren werden, womit sich zahlenmäßig etwa eine Viertelung der bisherigen Milizverbände auf rd. 7.500 Soldaten ergeben dürfte.

Schutz ohne Truppen?

Dabei fällt die unwidersprochene Diskrepanz auf, wenn man einerseits vom Schutz der österreichischen Be­völkerung und ihrer wichtigen Infrastruktureinrichtungen als allgemeine Inlandsaufgabe spricht und man an­dererseits die dafür erforderliche Menge an Truppen nicht verfügbar zu machen in der Lage ist (wenn man in Betracht zieht, dass beispielsweise der Schutz nur einer Kraftwerksanlage durchschnittlich bataillonsstarke Kräfte verlangt, kann das unzureichende Leistungsvermögen klar ausgemacht werden). Besonders schwer­wiegend schlägt sich auch die erkennbare Absicht nieder, die strukturierte Miliz nur noch aus ausgedienten Grundwehrdienern der präsenten Truppen ohne gezielte Ausbildung für die Mobverwendung und ohne Übungs­verpflichtung zu formieren, also nur "Papiertiger" zu erzeugen. Damit wird aber mit Sicherheit eine innerhalb einer vertretbaren Zeit zu erreichende Einsatzbereitschaft der Milizbataillone nicht mehr erwartet werden können.

 

 

Materielle Basis für Aufwuchs fehlt

Doch es gibt noch einen weiteren Widerspruch, auf den ich hinweisen möchte. Dieser liegt zwischen den Aus­sagen der "Bundesheerreformkommission" im Hinblick auf ein für die europäische Kernzone weiterhin be­stehendes, längerfristiges, militärstrategisches Restrisiko und den eingeleiteten militärischen Planungen. Während allgemein davon ausgegangen wird, dass eine längerfristige Rekonstruktion militärischer Kapazitäten für eine Verteidigungsfähigkeit, auch im europäischen Kontext, verfolgt würde, scheinen die realen Ent­wicklungen geradezu das Gegenteil zu bezeugen. Schwere Waffensysteme beabsichtigt man abzuverkaufen. Die materielle Grundlage für den Aufwuchs wird so zunichte gemacht. Wenn es noch eines untrüglicheren Zeichens für die Degeneration der Landesverteidigung bedurfte, dann war dies die Ankündigung, ab 1. Jänner 2006 den Grundwehrdienst auf insgesamt sechs Monate zurückzunehmen. Dies lässt keinen Zweifel mehr zu, in welche Richtung es geht: Schrittweiser Abbau grundlegender militärischer Fähigkeiten im Sinne einer militärischen Landesverteidigung im eigentlichen Sinn des Wortes, denn mit dieser zeitlichen Vorgabe ist die Formierung und Vorbereitung von Einheiten und Verbänden in Hinkunft unmöglich geworden.

GenMjr iR GünterHochauer

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